25 Jahre Vielfalt statt Einfalt

Anfänge

50 Jahre ist es nun her, dass homo- und transsexuelle Menschen im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York sich Willkür und Schikane durch die Polizei nicht mehr länger gefallen ließen und sich wehrten. Transgender und DragQueens führten den ersten Widerstand an. Daraus wurde der Startschuss für eine Bewegung, die schnell über New York hinaus wirkte. Eine Bewegung, die dazu führte, dass Homo- und Transsexuelle auf der ganzen Welt sich einerseits ihre Kultur und Identität bewusst machten und damit auch ihre Rechte einforderten. Rechte, die nichts anderes sind, als die ganz normalen Menschenrechte, wie sie für jeden gelten sollten. Nicht mehr und nicht weniger.

CSD in Oldenburg wird immer vielfältiger

Zum 25. Male ziehen wir auch in Oldenburg in einer lebendigen Demonstration am 15. Juni wieder durch die Stadt. Mittlerweile begleitet von einem vielfältigen Rahmenprogramm. Was 1995 mit einigen Hunderten von Menschen begann, hat im letzten Jahr den Rekord von rund 11.000 Teilnehmenden erreicht. Waren es am Anfang fast nur Homo- und Transsexuelle selbst, so besteht die Demonstration heute aus vielen gesellschaftlichen Gruppen vieler sexueller Identitäten. Auch sehr viele Heterosexuelle gehen mit auf die Straße, um gegen die Diskriminierung ihrer Nachbarn, Freunde, Verwandten, Arbeitskollegen, Schüler*innen, Lehrer*innen usw. zu demonstrieren. Waren es zu Beginn vor allem Transsexuelle, Schwule und Lesben, so sind heute auch Bisexuelle und mehr und mehr Intersexuelle sichtbar. Immer noch geht es im Kern um nichts anderes, als damals: Die Akzeptanz als normaler Mensch mit den umfassenden Menschenrechten.

Hat sich die Situation verbessert?

Nach so einem langen Kampf muss man doch erwarten, dass es heute besser aussieht als damals. Auf den ersten Blick tut es das auch. Die großen rechtlichen Diskriminierungen sind beseitigt. Mit der Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare ist eine der letzten großen Bastionen der gesetzlichen Diskriminierung beseitigt. Doch an der Art und Weise, wie die Diskussion darüber geführt wurde und bis heute wird, zeigt sich, dass noch lange nichts gut ist. Mittlerweile gab es auch einen Antrag im Bundestag, die Öffnung rückgängig zu machen. Immerhin hat dieser Antrag der AfD dafür gesorgt, dass Vertreter*innen aller anderen Parteien sich einig in ihrem Widerspruch waren.

Doch es ist die gleiche Zeit, in der die neue Parteivorsitzender der CDU, Annegret Kramp- Karrenbauer, erneut ihre Meinung wiederholt, dass homosexuelle Ehen etwas kriminelles hätten (SZ, vom 31.01., Maischberger vom 30.01.). Denn die neue starke Frau der CDU vergleicht unsere Ehen erneut mit strafrechtlich relevanten Verbindungen, wie dem Heiraten von Geschwistern oder der Vielehe. Widerspruch an dieser Stelle? Keiner.

Dreieinhalb Jahre sind seit ihrer ersten Aussage dieser Art vergangen. Die Ehe ist geöffnet. Zehntausende haben diese Möglichkeit genutzt. Die Auswirkung? Bisher ist nicht ein Kind weniger geboren worden – ganz im Gegenteil – und der Weltuntergang ist auch ausgeblieben. Selbst die Arbeitslosenzahlen oder die Kriminalstatistik zeigen nach unten.

Man verzeihe uns diese Polemik.

Doch die Absurdität, das Beharren auf einem Gefühl, dass auch die Kanzlerin lange zeigte, verdient vielleicht nichts anderes. In die gleiche Kerbe haut Anja Karliczek, ihres Zeichens Bundesbildungsministerin mit CDU- Parteibuch. (Quelle: Zeit 22.11.2018). Sie fordert Langzeitstudien, wie es um das Wohl von Kindern steht, die in homosexuellen Partnerschaften aufwachsen und womöglich von diesen adoptiert werden. Das es bereits ein Dutzend einheitlich positiv ausfallende Studien gibt, reicht ihr halt nicht.

Was bleibt, ist also eine diffuse Angst.

Ein „Es-darf-nicht-sein-weil-ich-das-komisch-finde.“ Das ist Diskriminierung, wie sie im Buche steht. Das ist etwas, dass wir noch in vielen Gedanken, Haltungen und Einstellungen finden. Oder um es mit Loriot zu sagen: „Dann stimmt vielleicht mit deinem Gefühl etwas nicht.“

Ausgeprägt und gut dokumentiert findet man diese Angst am Arbeitsplatz. Wie die Boston Consulting Group in dieser globalen Studie feststellte, wollen durchaus 87% der Befragten ihre

sexuelle Identität nicht geheim halten. Doch nur 37% haben sich am Arbeitsplatz geoutet. Wobei outen nun eben nichts andere bedeutet, als offen mit seinem Leben umzugehen und eben keine Alternativen für die Wochenendgestaltung zu erfinden. Gerne diskreditiert als: „Müsst ihr immer sagen, was ihr im Bett macht!“ Das wir das gar nicht tun, sondern eben nur ehrlich antworten (wollen): „Ich war mit meiner Frau bei ihrer Mutter.“, wird also als Sexualisierung und Belästigung gesehen. Auch hier stellen wir weiterhin Diskriminierung fest. Das diese Mitarbeiter*innen damit Energie aufwenden müssen, die sie eben nicht in ihren Job fließen lassen können, haben auch mehr und mehr Arbeitgeber festgestellt. In Oldenburg erreicht auch die Zahl der unterzeichnenden Organisationen der Charta der Vielfalt eine Rekordzahl.

Das ist eine gute Nachricht. Denn Deutschland liegt mit diesen 37% abgeschlagen auf dem letzten von 20 Plätzen. Der Durchschnitt liegt bei 52%.

Wundert uns diese Gesamtsituation?

Ehrlich gesagt nein. Dazu braucht es nur einen Blick auf die Frauenbewegung, die in diesem Jahr 100 Jahre Frauenwahlrecht feiert. „Die menschliche Gesellschaft ist im Westen weiterhin stark geprägt von der tradierten Vorstellung des Vorrechts für weiße, ältere Männer.“, sagt Kai Bölle, Sprecher des CSD Nordwest. „Daher wird jede Angleichung der Rechte anderer Gruppen von diesen als Abstufung betrachtet und bekämpft.“ Mittlerweile wird dazu gerne das Mittel der Opfer- Täter-Umkehrung gewählt. Das Einfordern von Rechten als Minderheit wäre demnach die Diskriminierung der Mehrheit.
Das gezeigte Verhalten jedoch ist nichts anderes als Diskriminierung in ihrer übelsten Art.

Stimmen der Frauenbewegung

Die bereits damals vorgebrachten Aussagen der Frauenbewegung passen auch nahezu 1:1 auf unsere Situation. Nachfolgend daher einige Zitate neu in Szene gesetzt und der Lesbarkeithalber nur mit dem Wort „Homosexuelle“ ersetzt, jedoch einbeziehend die bi-, trans- und intersexuellen Menschen.

„Ich möchte hier feststellen, dass wir deutschen Homosexuellen (Original: Frauen) dieser Regierung nicht etwa im althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Homosexuellen (Frauen) gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. (Verändert zitiert: Marie Jucherz im Reichstag)

„Das die Heterosexuellen (Männer) die Interessen der Homosexuellen (Frauen) wahren, ist Fiktion.“ (verändert zitiert: Helene Lange)

„Was verstehen wir unter dem Rechte der Homosexuellen? Nichts anderes, als das Recht des Menschen überhaupt!“ (verändert zitiert: Anita Augspurg)

„Die Menschenrechte haben keine sexuelle Identität.“ (verändert zitiert: Hedwig Dohm)

Wann werden wir vollständig akzeptiert?

100 Jahre ist das Frauenwahlrecht alt. Vor 50 Jahren begann die LGBTI* – Bewegung ihren offenen Kampf, vor 25 Jahren auch in Oldenburg. Erreicht wurde rechtlich vieles. Abgesichert ist davon wenig. Bis heute sind alle Versuche gescheitert, die Gleichberechtigung im Artikel 3 des Grundgesetz neben den anderen Diskriminierungsausschlüssen zu verankern. Daher sind alle Rechte bisher von den Mehrheiten im Bundestag abhängig.

Wir hoffen, dass es keine 100 Jahre bis zur vollständigen Akzeptanz dauert. Doch wir sind überzeugt, dass es noch viele Jahre braucht. Das es vor allem Zeit braucht, in der neue Generationen damit aufwachsen können, dass es eben normal ist. Ebenso sind wir überzeugt, dass wir zwar in erster Linie selbst für uns eintreten müssen, dass es jedoch auch nicht ausreicht, wenn nur wir es tun. Denn wir sind und bleiben eine Minderheit.

Lasst und demonstrieren!

Der CSD Nordwest e.V. ruft daher auch in 2019 alle Bürger*innen, Organisationen und Gruppierungen in der Stadt Oldenburg und der Region auf, sich an der Demonstration am 15. Juni 2019 zu beteiligen. Unter dem Motto „25 Jahre – Vielfalt statt Einfalt“ werden wir um 13 Uhr vom Schlossplatz quer durch und um die Innenstadt wieder zum Schloss zurück ziehen. Dort finden

dann die politische Abschlusskundgebung und das Kulturfest statt. Ebenso lädt die Pride Plaza wieder dazu ein, sich zu informieren und in den Austausch zu gehen.

Um die Organisation zu erleichtern, bitten wir größere Fußgruppen und Teilnehmer*innen mit Fahrzeugen, sich anzumelden. Dies geht einfach über unsere Webseite www.csd-nordwest.de