AIDS-Hilfe ist nicht gleich AIDS-Hilfe

Moin liebe Leser*innen,
ich bin Marianne und seit Mai vervollständige ich das Team der AHO als Geschäftsführerin. Marianne_Foto-683x1024Als gebürtige Schwarzwäldlerin hat es mich vor knapp zehn Jahren in den hohen Norden verschlagen. Nicht nur von der Radkultur hier bin ich als leidenschaftliche Radlerin nach wie vor hellauf begeistert (Radwege!). Auch die Oldenburgische Programmkinolandschaft hat es mir angetan. Meine universitäre Laufbahn liest sich fast so, als hätte es die Bologna-Reform nie gegeben: über Kulturwissenschaften (Schwerpunkt Gender & Medien), Wirtschaftspsychologie und Soziologie, bin ich über die Kulturanalysen inzwischen bei der Angewandten Sexualwissenschaft angekommen. Während meiner Studien habe ich u.a. an der Oldenburger Uni im Helene-Lange-Kolleg für Queer Studies, in der Betreuung von internationalen Studierenden und als Dozentin gearbeitet. Ansonsten bin ich begeistert von sexueller Bildungsarbeit und queer-feministischem Aktivismus.

Wir sehn uns!

marianne | AHO

Über die letzten Jahrzehnte hat sich die Arbeit der AIDS-Hilfe Oldenburg stark gewandelt. Ein kurzer Überblick.

Als Brigitte Leupelt 1994 als Geschäftsführerin neu zur AHO stieß, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als bald arbeitslos zu werden (siehe rozlicher Rückblick auf Seite 34 in dieser Ausgabe). Ganz so ist es nicht gekommen: Noch immer leisten die AHO und andere Aidshilfen notwendige Arbeit. Ihr Aufgabenfeld hat sich in den letzten  AHO in der sensiblen Sterbebegleitung von AIDSerkrankten Menschen. Hinzu kamen Aufklärungsarbeit und Engagement gegen die während der sog. „Aidskrise“ zusätzliche Repression schwuler Lebensweisen.

 

Heute bedeutet HIV-positiv zu sein …

… in der BRD, glücklicherweise nicht mehr automatisch, auch an AIDS zu erkranken: verändertes Testverhalten sowie effektivere und besser verträgliche Medikation haben u.a. dazu beigetragen, dass die Sterbebegleitung kaum noch vorkommt. Nichtsdestotrotz erkranken in der BRD aktuell noch immer jährlich ca. 1000 Menschen an Aids. Die Deutsche AIDS-Hilfe hat daher gerade eine dreijährige Kampagne unter dem Titel „Kein Aids für alle bis 2020“ ins Leben gerufen.1 Die HIV-Neuinfektionsrate hat sich laut Robert-Koch-Institut (RKI, 2015) seit 2006 bei geschätzten ca. 3000 jährlichen HIV-Neuinfektionen in der BRD eingependelt. Doch: Weniger ist besser – es gibt noch immer viel zu tun! So schätzt das RKI, dass 2015 12600 Menschen in der BRD mit dem HI-Virus lebten, ohne davon zu wissen. Manche Gruppen haben außerdem ein höheres Risiko als andere, sich mit dem Virus zu infizieren: Von der geschätzten Gesamtzahl der HIV-Neuinfektionen in 2015 sind etwa 2.200 (68,8 %) Männer, die Sex mit Männern haben.

 

Die AHO gründete sich 1986 vor allem mit Fokus auf schwule Männer. Im Laufe der Zeit kamen weitere Zielgruppen hinzu: Männer die mit Männern Sex haben (MSM), Menschen in Haft, Sexarbeiter*innen, Drogennutzer*innen, geflüchtete Menschen und Migrant*innen (besonders aus Weltregionen mit weiter HIVVerbreitung), aber auch deren Angehörige sowie Schüler*innen. Neben der Betreuung und Beratung von HIV-positiven Menschen und der allgemeinen Prävention von STIs ging und geht es auch immer darum, die Akzeptanz von Lebensweisen zu fördern, die sich jenseits des heteronormativen Mainstreams befinden. Aber entgegen so mancher Annahme ist die AHO auch für Menschen da, die sich als heterosexuell bezeichnen.

 

Zur geleisteten Antidiskriminierungsarbeit …

… gehören neben der Arbeit mit spezifischen Zielgruppen auch Information und Aufklärung für Menschen, die professionell in Kontakt mit den Zielgruppen stehen. Diese Arbeit nennt sich auch strukturelle Prävention. Bspw. bietet die AHO Fortbildungen für Personal von Unterkünften für Geflüchtete, für Justizvollzugbeamt*innen oder medizinisches Pflegepersonal an. Denn obwohl HIV den Schrecken der 1980er verloren hat, gibt es noch immer viel ungares Halb- und Falschwissen rund um STIs, HIV und Aids, das HIVpositive Menschen diskriminiert und Menschen davon abhält, sich regelmäßig testen zu lassen. Als Beispiel sei eine Zahnarztpraxis genannt, die ihre HIV-positiven Patient*innen nur am Ende des Tages empfängt um danach die gesamten Räumlichkeiten zu desinfizieren (obwohl die gewöhnlichen Hygienestandards völlig ausreichen würden) oder Schüler*innen, die meinen man könne sich beim ersten Sex nicht mit einer sexuell übertragbaren Infektion anstecken. Die strukturelle Prävention wird in den kommenden Jahren vermutlich immer mehr Raum einnehmen. Aidshilfen werden meistens mit dem Themenfeld Sexualität in Verbindung gebracht. Doch es gibt auch andere Themenbereiche: Seit 2011 können Nutzer*innen von intravenösen Drogen ihre gebrauchten Spritzen und Stadt hygienische Utensilien für wenig Geld erwerben. Im Jahr 2016 wurden so ca. 5000 Spritzen und zusätzlich noch weitere Utensilien getauscht. Denn wer ausschließlich eigenes und steriles Material nutzt, schützt sich und andere vor Infektionen. Im Bereich Haft veranstaltet die AHO u.a. Informationsveranstaltungen dazu, wie man sich und andere beim Tattoo- und Piercingstechen in Haft nicht mit Hepatitiden oder HIV infiziert.

 

Seit kurzem gibt es außerdem zwei neue Angebote der AHO:

  • Über PlanetRomeo und zukünftig auch über Whatsapp werden kurzfristige Chat-Beratungen angeboten. Das haben innerhalb der ersten sechs Wochen bereits 40 Personen in Anspruch genommen.
  • Für queere Geflüchtete gibt es ab sofort jeden vierten Mittwoch im Monat um 18:00 Uhr ein Café in den Räumen der AHO.

 

Die Grundkonzepte der AHO …

… sind über all die Jahre geblieben: die Lebensweisen akzeptierende Arbeit und die Hilfe zur Selbsthilfe sind geblieben. Hier hebt niemand den moralischen Zeigefinger; hier wissen alle, dass Sexualität nicht immer planbar ist und es unterschiedliche Umgangsweisen mit dem eigenen Infektionsrisiko gibt. Ziel ist es, diskriminierende Strukturen abzubauen und Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmt und selbstbewusst mit ihrem Begehren, ihrer geschlechtlichen Identität und dem Infektionsrisiko umzugehen. Einiges hat sich verändert, manches ist gleich geblieben. Und die Arbeit der AHO ist noch immer enorm wichtig und wird immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Brigitte Leupelt, Geschäftsführerin der AHO von 1994 bis 2017 ist trotz unermüdlichem Engagement nicht arbeitslos geworden – leider! Im April 2017 ging sie in ihre wohlverdiente Rentenzeit. Arbeitslos werden – das neue Team der AHO arbeitet immer noch daran!

 

 

Mehr Infos & Kontakt:

AIDS-Hilfe Oldenburg e.V., Bahnhofstr. 23, 26122 Oldenburg,

Tel. 0441-14500, Fax 0441-14222

www.aidshilfe-oldenburg.de

 

 

 

 

1 Diese Forderung bezieht sich auf die BRD, weltweit sterben laut WHO ca. 1.2 Millionen Menschen jährlich an Aids. Die UN hat sich für das Ende von Aids das Jahr 2030 als Stichdatum gesetzt.

2 Etwa 420 Frauen (13,1 %) und 310 Männer (9,7 %) haben sich 2015 auf heterosexuellem Weg infiziert. Darüber hinaus haben sich etwa 250 (7,8 %) Personen beim intravenösen Drogenkonsum infiziert.

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