Tatort: Wehnen (Land Oldenburg)

(roz) Homosexualität wurde vom NS-Regime mit aller Härte verfolgt. Die pronatalistische Staatdoktrin forderte eine „gesunde“ Sexualität mit „erbgesunden“ Nachkommen. Geschlechtsverkehr ohne Nachwuchs gehörte zu den erklärten Feindbildern. Im Gegensatz zu den übrigen NSOpfergruppen ist das Wissen über die Verfolgung der Homosexuellen und das Schicksal Einzelner erstaunlich gering. Dieses Kapitel deutscher Geschichte war für lange Nachkriegsjahrzehnte ein Stiefkind der Geschichtsforschung, da sich die Diskriminierung der Homosexualität in der Bundesrepublik fortsetzte. Die Betroffenen hatten keine Chance auf eine Rehabilitation, stattdessen wurden neue Opfer geschaffen.

Besonders früh braun: das Land Oldenburg

Besonders groß ist der weiße Fleck auf der historischen Landkarte Oldenburgs, eines Landes, das in unrühmlicher Vorreiterrolle bereits im Mai 1932 mehrheitlich für die NSDAP votierte und als einziges Land vor Hitlers Kanzlerschaft von den Faschisten regiert wurde.1 Diesem rechtspolitischen Eifer steht ein geringes Erinnern und Mahnen an den oldenburgischen Sündenfall entgegen, dafür eine umso größere Flut an verklärender Heimatforschung, zu der auch die unverständliche Beibehaltung völkisch-faschistischer „Denkmale“ und „Ahnenstätten“ gehört.2 Im Jahr 2011 hatte eine Arbeitsgruppe der Forschungsstelle „Geschichte der Gesundheits- und Sozialpolitik“ (GGS) an der Universität Oldenburg damit begonnen, Einzelschicksale verfolgter Homosexueller aus Oldenburg aufzuklären, um öffentliches Gedenken zu fördern. Diese Arbeit erwies sich mangels historischer Quellen und finanzieller Unterstützung als äußerst mühsam. Bald darauf wurde die Forschungsstelle aufgelöst, zwar nicht speziell wegen dieses Themas, aber zu einem Gutteil wegen ihres allgemein kritischen Ansatzes in ihren Fragestellungen.3 Dass bei dieser Forschung, wie auch im Folgenden deutlich wird, die Schwulen im Vordergrund stehen und Lesben kaum erwähnt werden, ist historisch bedingt. Im NS-Regime wurden die homosexuellen Männer ungleich massiver und in größerer Zahl verfolgt als homosexuelle Frauen, was natürlich nicht heißt, dass Lesben sich frei bewegen konnten (Schoppmann 2001, v. Bülow 2000: 78). Die Einseitigkeit war eine Folge der ausschließlich männliche Homosexualität betreffenden strafrechtlichen Bestimmungen.

Krankenmorde!

Über die Zahl der in den Konzentrationslagern und Gestapogefängnissen getöteten homosexuellen Männer herrscht weitgehende Unklarheit. Einweisungen in die Lager sind schwer zu beziffern. Die oft genannte Zahl von 10.000 Häftlingen mit rosa Winkel ist nach neueren Schätzungen deutlich nach unten zu korrigieren, doch da die Einweisungen oft auf Umwegen erfolgten, befanden sich viele Homosexuelle unter den Trägern andersfarbiger Winkel, wie Rainer Hoffschild ausführt (Mußmann 1997: 39). Ihm ist es auch zu verdanken, dass die Schicksale Tausender von Betroffenen aufgeklärt werden konnten. Seine private Dokumentensammlung steht einem staatlichen Archiv nicht viel nach. Von ihm stammen auch Hinweise auf Oldenburger Betroffene, deren Spuren sich meistens in den Konzentrationslagern verlieren. Verfolgung beschränkte sich aber nicht auf Konzentrationslagerhaft, sondern brachte Repressalien in der Gesellschaft, am Arbeitsplatz, in der Hitlerjugend, in der Schule. Der Obersekundaner Heinrich J. aus Vechta wurde wegen „unsittlichen Lebenswandels“ der Schule verwiesen. Nach Ermittlungen durch die Gestapo 1938 hatte er sich „mit mehreren Jugendlichen schwere sittliche Verfehlungen zuschulden kommen lassen, wobei er sich als Verführer betätigt hat, und solche sittlichen Handlungen begangen, die nach § 175 StGB strafbar sind.“ Die Familie sollte das Schulgeld, das dem Schüler aufgrund seiner hervorragenden schulischen Leistungen erlassen worden war, nachträglich zurückzahlen. Dieselbe Akte dokumentiert den Ausschluss des Schülers Heinrich L. aus der SA, wobei offen bleibt, ob aus politischen Gründen oder wegen „abwegigen Verhaltens,“ sprich: Homosexualität.4 Für die Nazis standen jedoch rassenhygienische Konzepte im Vordergund. Homosexualität bedrohte die Fortpflanzung der „Volksgemeinschaft“ durch den Entzug zeugungsfähiger Männer, die Verführung der Jugend, die Gruppenbildung Gleichgesinnter und die Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit“ (Grau 2004: 32). Indem man sie zum „Entarteten und Ungesunden“ zählte, stellte man die Homosexuellen den „Minderwertigen“ gleich, die im Nationalsozialismus mit Zwangssterilisation und Krankenmord bedroht wurden. Es kann daher nicht überraschen, dass neben Tausenden, die in den Konzentrationslagern verschwanden, viele pathologisiert wurden und in die Fänge der rassenhygienisch fanatisierten NS-Medizin gerieten. Sie wurden als Kranke oder als Straffällige in die Psychiatrie eingewiesen, so auch in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. Unter den Opfern der Krankenmorde befindet sich eine Gruppe psychiatrisierte Homosexueller, deren genaue Zahl bislang nicht festgestellt werden konnte. Einer von ihnen war Josef B., der mit 28 Jahren in die Anstalt eingewiesen wurde und dort im Jahr 1943 starb. Josef B. stammte aus einem kleinen Dorf in Südoldenburg. Als Teenager oder junger Erwachsener kam er in Kontakt mit der Jugendbewegung und wurde Mitglied ihres radikalen Flügels, der Artamanen. Die Jugendbewegung gab homosexuellen Männern und Frauen mit ihrer Wanderkultur, Lagerfeuerromantik und Naturanbetung Gelegenheit zu gleichgeschlechtlichen Kontakten. Ein Teil dieser Bewegung, wenn nicht sogar ihre Mehrheit (Niemeyer 2013), war völkisch orientiert und organisiert. Ihre Speerspitze waren die Artamanen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, im Grenzgebiet zu Polen, dem nach dem Ersten Weltkrieg ein Teil der deutschen Ostgebiete zugesprochen worden war, Siedlungen mit „arischen wehrhaften deutschen Bauernfamilien“ zu gründen, um dem kulturellen Einfluss der „slawischen Untermenschen“ entgegenzuwirken und für Angriffe aus dem Osten gewappnet zu sein – sieben Jahre, bevor Hilter in Deutschland die Macht übernahm und dreizehn Jahre, bevor dieser Angriff wirklich stattfand. In eine solche völkische Position manöverierte sich mancher junge Mensch, auch ohne völkische Überzeugung, allein durch ein Liebesverhältnis zu einem der „Siedler.“ So offenbar auch Josef B. Ein von ihm verfasster Brief, der sich wie ein Abschiedsbrief an den artamanischen Freund liest, findet sich seltsamerweise in seiner Krankenakte, obwohl die Aufnahme in die Anstalt ein halbes Jahr später datiert. Nachdem er sich von Selbstmordgedanken bedroht sah, hatte er sich „in den Schutz der Anstalt“ begeben. Nach seiner Entlassung blieb er wenige Wochen in Freiheit, um bald unter den Anzeichen von Sinnestäuschungen und auffälligem, für seine Umgebung angeblich „gemeingefährlichen“ Verhalten wieder eingewiesen zu werden. Von da an unterscheidet sich sein Schicksal nicht mehr von dem der übrigen in die Mühlen der oldenburgischen Psychiatrie geratenen Patienten. Solange er noch arbeiten konnte, und das hatte er auf dem elterlichen Hof gelernt und bei den Artamanen gezeigt, konnte er seines Lebens relativ sicher sein, doch nachdem ihn die Krankheit zur Untätigkeit und Starrheit gebracht hatte, wurde er auf die Schmalkost der Leistungsunfähigen gesetzt, und alsbald wurde sein geschwächter Organismus von der Tuberkulose befallen. Nach einem Aufenthalt von 12 Jahren starb er an „Darmtuberkulose, dem sich in letzter Zeit ein starker körperlicher Verfall hinzugesellt“ hatte, wie der zuständige Arzt lapidar notierte. Josef B.s Schicksal ist untypisch für psychiatrisierte Homosexuelle. Meistens wurden sie als „Sicherungsverwahrte“ eingewiesen, nachdem sie ihre Strafe als Sexualstraftäter nach § 175 und 175,a abgesessen hatten. Insgesamt wurden zwischen 1936 und 1947 mindestens 36 Sicherungsverwahrte in Wehnen untergebracht, von denen bis 1944 nur mehr sechs lebten. Fünf davon wurden in Konzentrationslager verschleppt (Harms 2008: 304). Wie viele davon wegen Homosexualität verurteilt waren, lässt sich nicht mehr feststellen.

Wie Josef B., der mit seiner sexuellen Orientierung offenbar nicht zurecht kam, sind viele Männer und sicherlich auch Frauen in psychische Verfassungen geraten, die eine Einweisung in die Anstalt nach sich zogen, demzufolge sie sich auch unter den Opfern der Krankenmorde finden müssen. Vor der Aufnahme in die Anstalt hatte sich Josef B. einer Psychoanalyse anvertraut, allerdings scheinen mehr als zwei oder drei Sitzungen nicht stattgefunden zu haben. Da Homosexualität von den Machthabern pathologisiert worden war, standen sie unter dem Zwang, „Heilungsmöglichkeiten“ einzuräumen und eine entsprechende Forschung zu unterstützen. Nicht zuletzt kamen auch Personen der Führungsschicht in Not, die ihre eigene Homosexualität oder die ihrer Kinder verleugnen mussten. Ebenso verhielt es sich mit der Arbeitskraft. Eine Nation wie der NS-Staat, der von Anfang an jede Hand für sein gigantisches Rüstungsprogramm brauchte, konnte sich eine massenhafte Vernichtung von Arbeitskraft nicht leisten. Aus diesen Gründen waren die Konzentrations- und sonstigen Lager wie auch die Psychiatrischen Anstalten als mörderische Produktions- und Dienstleistungsstätten konzipiert, was aber oft ein schlechter Ersatz für inhaftiertes Fach- oder Leitungspersonal war. In der Logik der Pathologisierung lag also das Versprechen von Heilbarkeit, und da der Umfang der Heilungschancen „wissenschaftlich“ strittig war, wurde die Forschung mit dieser Frage betraut.

In Berlin gründete sich das „Deutsche Institut für psychoanalytische Forschung und Psychotherapie“ unter der Leitung des Psychotherapeuten Professor Matthias Göring, einem Vetter des Reichsmarschalls, um mit dem Rest der deutschen Experten – die jüdischen KollegInnen waren zur Emigration gezwungen worden – eine Neue Deutsche Seelenheilkunde“ zu begründen. Rund 200 TherapeutInnen und AnalytikerInnen arbeiteten hier von 1936 bis 1945 ungestört mit einem für ihre Verhältnisse märchenhaften Forschungsbudget. Eine ihrer Hauptaufgaben bestand in der Therapie der Homosexualität. Vorwiegend damit befasst waren die Kriminalpsychologin Frieda Kalau vom Hofe, der Therapeut Dr. med. I. H. Schultz und der Analytiker Dr. med. Felix Boehm. Kalau vom Hofe schrieb 1940, dass ihr von „besonders interessierten Gerichtspersonen… eine ganze Reihe erwachsener Krimineller zugewiesen worden“ sei, „und zwar fast ausschließlich Sexualdelikte (Homosexuelle und Exhibitionisten).“ Diese sollten „ihren Heilungswillen während einer Bewährungsfrist unter Beweis“ stellen (Jahresbericht 1940: 38). Wie sah nun diese „Bewährungsfrist“ aus? Offenbar wurden homosexuelle Männer nach der Therapie gezwungen, unter Aufsicht von I.H. Schultz, dem Erfinder des Autogenen Trainings, mit Prostituierten zu verkehren. Bekamen sie  ihnen das Lager sicher. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schrieb: „Homosexuelle mußten um ihr eine Erektion, galten sie als geheilt, andernfalls war Leben koitieren“ und zitiert, Schultz sei ein „psychotherapeutischer Selektionsarzt“ gewesen.5

Der 1958 verstorbene Psychoanalytiker Felix Boehm hielt bis zu seinem Tod an der pathologischen Ursache von Homosexualität fest, aber damit nicht genug: Noch im Jahr 1978 wurden seine Vorstellungen von „Inversionstypen“, das heißt „umgdrehten“ Männern mit „archaischer Konstitution und primitiven psychischen Mechanismen,“ in einem Jubiläumsband von der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) unverändert und unkommentiert abgedruckt (Boehm 1978: 165).6 Die Forschung nach den Einzelschicksalen von Oldenburger Homosexuellen im Nationalsozialismus befindet sich mit dem dargestellten Erkenntnisstand natürlich erst ganz am Anfang.

ingo harms | ingo.harms@gmx.net

 

 

 

 

„Alte Pathologie“ (Bild)

Die Euthanasie-Gedenkstätte In der NS-Psychiatrie galten die meisten psychischen Erkrankungen als erblich und die Kranken als „minderwertig“. Patient*innen mit solchen Diagnosen konnten ab 1934 nur entlassen werden, wenn sie zuvor unfruchtbar gemacht wurden. Chronisch Kranke galten als “Ballastexistenzen”, ihnen drohte der Tod. Die Alte Pathologie in Wehnen war die Zwischenstation für alle getöteten Patient*innen, sei es zur Aufbahrung oder zur Sektion, bevor sie vom evangelischen Dorfpfarrer auf dem Gemeindefriedhof begraben oder in die Heimatgemeinden überführt wurden. Im April 2004 wurde die „Alte Pathologie“ als Gedenkstätte für die Opfer der oldenburgischen Krankenmorde eröffnet. Damit schufen die Angehörigen dieser Opfer, die sich im Gedenkkreis Wehnen e.V. zusammenfanden, nicht nur einen Ort für ihre private Trauer, sondern auch ein Zentrum für die Dokumentation der historischen Ereignisse. 2007 stellte uns die Kirchengemeinde Ofen das Gelände für die Euthanasie-Erinnerungsstätte zu Verfügung.

Im Zentrum der Forschungen stehen die Familien der Angehörigen. Sie erhalten Auskunft und Klarheit über das Schicksal ihrer in Wehnen umgekommenen Vorfahren. Aber sie bekommen nicht nur etwas von der Gedenkstätte, sondern sie bringen Fotos, Briefe oder Familiengeschichten und halten so die Erinnerung an das Leben der Getöteten wach. Die Gedenkstätte ist ein Ort des Dialogs, durch den sich der Schatz an Informationen ständig erweitert. Je genauer das Wissen über die Opfer, desto genauer auch das Wissen über die Täter und die Beweggründe für den Massenmord. Die Ausstellung wendet sich an die interessierte Öffentlichkeit. Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-16 Uhr; So 12-16 Uhr. Gedenkstätte „Alte Pathologie“ Hermann- Ehlers-Straße 7, 26160 Bad Zwischenahn (Wehnen).

https://gedenkkreis.de

 

1 Oldenburg war mit einer halben Million Einwohner eines der 18 Länder der Weimarer Republik und blieb bis zur „Machtergreifung“ das einzige Braune.

2 So die Ahnenstätten Conneforder und Hilligenloh, die NS-Kultstätte Stedingsehre, das Gaukameradschaftsheim Blockhaus Ahlhorn, das Schlageter-Denkman Vechta-Lohne.

3 Dazu gehört die Erkenntnis, dass die aus den Krankenmorden in Wehnen gewonnenen Überschüsse an Oldenburger Kultureinrichtungen verteilt wurden, darunter das Museumsdorf Cloppenburg (Harms 2016).

4 Staatsachiv, Bestand 134 Nr. 3441.

5 Der Spiegel: „Bluthaftes Verständnis“, Heft 26/1994, S. 184-186.

6 Das Zitat stammt von Sigmund Freud.

 

 

Literaturverzeichnis:

Boehm, Felix, Schriften zur Psychoanalyse, Hrsg. Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft, München 1978

Grau, Günter (Hg), Homosexuelle in der NS-Zeit. Dokument einer Diskriminierung und verfolgung, Ffm 2004 (Erstausgabe 1993)

Grau, Günter, „Unschuldige Täter“. Mediziner als Vollstrecker der nationalsozialistischen Homosexuellenpolitik, in: Christoph Kopke, Medizin und Verbrechen, Ulm 2001, S. 185-207

Harms, Ingo, Buchhaltung und Krankenmord, BIS Universitätsverlag Oldenburg 2016

Harms, Ingo, „Wat mööt wi hier smachten.“ Hungertod und „Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen 1936-1945, BIS-Verlag Universiät Oldenburg 2008

Jahresberichte des Deutschen Instituts für psychoanalytische Forschung und Psychotherapie

Mußmann, Olaf, Homosexuelle in Konzentrationslagern, Gedenkstättenrundbief Nr. 81 S. 37-41 1997

Niemeyer, Christian, Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend, Tübingen 2013

Schoppmann, Claudia: „Liebe wurde mit Prügelstrafe geahndet.“ Zur Situation lesbischer Frauen in Konzentrationslagern, in: Christoph Kopke, Medizin und Verbrechen, Ulm 2001, 228-238

v.Bülow, Carola, Der Umgang der nationalsozialistischen Justiz mit Homosexuellen, Diss. Univ. OL 2000 (Peters, Boldt), S. 57: von Bülow 2000.pdf, S. 78 f.