Prosa | Die Geige pfeift ihm ein Liedchen nach

Musik und Homosexualitäten

(RoZ) Kultur. Heterosexuelle Kabarettbesucher amüsieren sich über promiske Tunten. Im Gegenzug machte sich der vermutlich schwule französische Komponist Maurice Ravel in seiner musikalischen Komödie „Die spanische Stunde“, die gerade im Oldenburgischen Staatstheater gezeigt wird, über das promiske Begehren von Heteros und ihr Scheitern lustig. Das Werk zeige, „wie prekär, wie wenig natürlich und selbstverständlich, ja man könnte geradezu sagen: wie manieristisch das Konzept Heterosexualität verfasst ist“. Das jedenfalls meint der Frankfurter Musikwissenschaftler Ulrich Wilker in seinem Beitrag zu dem soeben erschienenen Buch „Musik und Homosexualitäten“. Dieses ist das Ergebnis zweier von vier bemerkenswerten Tagungen, die zwischen 2016 und 2018 an der Bremer Hochschule für Künste zu den folgenden Themen stattfanden: zunächst „Musik und Homosexualität – Homosexualität und Musik“ (2017 in dem titelgleichen Buch des Verlags Olms dokumentiert) und das „Kolloquium aus Anlass des 90. Geburtstages des Komponisten Hans Werner Henze“, dann „Stand und Perspektiven musikwissenschaftlicher Homosexualitätenforschung“ sowie „Homosexualitäten und Manierismen“.

Die Vorträge der letzten beiden Tagungen liegen nun in gedruckter Form in dem hier besprochenen Band vor, der von der Oldenburger Musikwissenschaftlerin Kadja Grönke und ihrem Bremer Kollegen Michael Zywietz herausgegeben wurde. Der Plural ‚Homosexualitäten‘ soll einen Rahmen schaffen, der unterschiedliche Identitäten und die Breite des Spektrums von ‚Unauffälligkeit‘ bis zu ‚exotischer Selbstinszenierung‘ zu erfassen erlaubt.

Im Rahmen der Homosexualitätenforschung behandelt der erste Teil des Buches unterschiedliche Methodenansätze, der dritte Teil verschiedene Manierismus-Konzepte. Hier kommen Ken Russells Film „The Music Lovers“ (Kadja Grönke), die lateinamerikanische Schwulenliteratur (Dieter Ingenschay), homosexuelle Anspielungen in Erzählungen von Arno Schmidt (Axel Dunker) und die Betonung des Nicht-Normativen im Dandytum zur Sprache (Gregor Schuhen).

Kevin Clarke geht der Wirkung nach, die durch die Manieriertheit und Maskenhaftigkeit von Musical- Figuren ausgelöst wird. Als nicht-normativ hätten diese immer eine Identifikationsmöglichkeit für Minderheiten (LGBT, People of colour) geschaffen. Dies auch dann, als der zunächst versteckte schwule Subtext ab 1970 zunehmend zum sichtbaren Haupttext wurde und schließlich eine „Solidarisierung von Schwulen und weiblichen Teenagern“ stattfand.

In einem weiteren Beitrag im ersten Teil des Buches beklagt Clarke, dass die (Homo-) Sexualität in der Operette durch die deutsche Musikforschung noch immer vernachlässigt wird, hatte er doch schon selbst mit einem Band über die schwulen Verehrer der Operette einen Anstoß gegeben. Offenbachs „Die Insel Tulipatan“, Gilbert und Sullivans „Patience“, Neill und Nitzbergs „The Beastly Bombing“ seien ebenso beachtenswert wie die Persönlichkeit des schwulen Operettenproduzenten Erik Charell.

Ebenfalls im ersten Teil betonen unter anderem Eva Rieger und Martina Bick, wie sinnvoll es sei, in Musikliteratur und Nachschlagewerken die Beziehungen zwischen Persönlichkeit, Werk und Umfeld zu erfassen. Vorbildlich ist in diesem Zusammenhang die – insbesondere Musikerinnen berücksichtigende – Hamburger Plattform „MUGI – Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen“ (https:// mugi.hfmt-hamburg.de).

Dass auch in wissenschaftliche Darstellungen außerwissenschaftliche Absichten einfließen können, zeigt Hans-Joachim Hinrichsen in einem vielschichtigen Beitrag am Fall Schubert. Hatte man ihm lange im vorherrschenden heteronormativen Kontext Beziehungen zu Frauen angedichtet, so schlug das Pendel im Zuge der Schwulenbewegung in die entgegengesetzte Richtung aus und provozierte sogleich katholisch-homophobe Kritik. Die Diskussion habe aber „nicht ein neues Bild des Komponisten auf der Basis belastbarer Fakten“ ergeben, zumal die Frage nach seiner sexuellen Orientierung „eine der unerheblichsten“ sei. Seine „im höchsten Maße irritierende und provozierende“ Musik könne deshalb kaum für irgend jemanden als akustisches Identifikationsobjekt dienen.

Wer nicht selbst kulturwissenschaftlich engagiert ist, wird seine Aufmerksamkeit wohl vor allem dem zweiten Teil des Buches zuwenden, weil er mit seinen zahlreichen Fallstudien vielleicht der anregendste und mit über 250 Seiten zugleich der umfangreichste ist. Biographie, Werkanalyse, Wirkung und kulturelles Umfeld ergänzen sich hier wechselseitig.

So befassen sich Angelika Silberbauer und Cornelia Bartsch mit dem Leben und Lieben der englischen Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) sowie mit lesbischen Anklängen in deren Opern „Fantasio“ und „The Boatswain’s Mate“.

In gleich vier Beiträgen geht es um Hans Werner Henze. Kadja Grönke prüft – anknüpfend an Roland Barthes – die These, ob die körperliche Erfahrung einer rauen Artikulation von Musik zu einer Öffnung für schwule Erotik führen kann. Michael Kerstan hebt die Vater-Sohn-Beziehung und den Minne-Gedanken als für Henzes Werke bedeutsame homosexuelle Motive hervor – unter anderem in „Apollo et Hyazinthus“. An der Oper „Die Bassariden“ arbeitet Antje Tumat aus Genderperspektive den Aspekt der Befreiung heraus; und das Klarinettenkonzert, das von Jean Genets „Miracle de la Rose“ inspiriert wurde, wird von Klaus Oehl als homosexuelles Schlüsselwerk interpretiert.

In Leonard Bernsteins Oper „A Quiet Place“ spürt Markus Schneider Autobiographisches auf. Juana Zimmermann klopft Werke Benjamin Brittens, die er ausdrücklich für seinen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears, komponierte, auf wechselseitigen Einfluss hin ab. An den englisch-parsischen Komponisten Kaikhosru Sorabij (1892-1988) erinnert Jürgen Schaarwächter. Die aufmerksamkeitsheischende, aber natürlich zu verneinende Frage, ob Theodor W. Adorno homophob war, erörtert Bernd Feuchtner vor dem Hintergrund von Nationalsozialismus und früher Bundesrepublik. Verdienstvoll sind die Recherchen zu weniger bekannten Musiker*innen. Anna Ricke erinnert an die Wiener Korrepetitorin und Klavierpädagogin Smaragda Eger-Berg, Alban Bergs Schwester. Wolfram Boder und Katharina Hottmann gehen dem sinfonischen Schaffen zweier Freundespaare nach: dem Spohr-Schüler Hugo Staehle und Jakob Hoffmeister bzw. Clement Harris und Siegfried Wagner, dem späteren Leiter der Bayreuther Festspiele.

Im Vergleich überraschend sind die beiden folgenden Biographien: Nachdem Nicolas Gombert (ca. 1500-1550), Kapellmeister am Hofe Kaiser Karls V., die wegen der Schändung eines Chorknaben verhängte Galeerenstrafe verbüßt hatte, erhielt er ein Kanonikat und konnte so in Ruhe leben und komponieren. Dagegen nahm die homophobe Schweiz die Kompositionen des zunächst durchaus anerkannten Komponisten Robert Oboussier (1900-1957) nach seiner Ermordung durch einen 18jährigen Strichjungen und dem dadurch erfolgten unfreiwilligen Outing nicht mehr zur Kenntnis.

Alles in allem bietet der Band vielseitige Information und gibt durch überraschende Querbezüge viele Denkanstöße. Bedauerlicherweise fehlen Informationen zu den Autor*innen und ein Register.

wilhelm

Musik und Homosexualitäten. Tagungsbericht Musikwissenschaftliche Homosexualitätenforschung, Bremen 2017 und 2018. Hamburg 2021 (Tectem- Verlag), 457 Seiten, ISBN 978-3-86485-259-6. 29 Euro.

Biographische Notizen:

Wilhelm gehört seit langem zur Oldenburger Szene. Als vielseitig interessierter Zeitgenosse hat er wiederholt für die Rosigen Zeiten geschrieben.