Rosa Prosa: Für ihr Land

Irland ist ein faszinierendes Land mit einer tragischen Geschichte – Nordirlandkonflikt, IRA, Ausbrüche von Gewalt Ende der 60er Jahre und heute wieder aufflackernd im Zusammenhang mit dem Brexit. Die Autorin will in ihrem sehr gut recherchierten Buch in romanhafter Form die Vorgeschichte dazu aufzeigen. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Osteraufstände 1916 in Dublin und erzählt vom Kampf der Iren und Irinnen für Freiheit und Selbstbestimmung. Das zerrissene, durch Hungersnöte und Auswanderungswellen gebeutelte Land wehrt sich gegen Besetzung und Ausbeutung durch die Engländer, die Auslöschung seiner Sprache und Kultur und ist bereit für den aktiven Widerstand. Die Spaltung besteht nicht nur zwischen Irland und England, auch die katholische nationalistische und die protestantische unionistische Bevölkerung stehen sich feindlich gegenüber. Ostern 1916 kommt es zum blutigen Aufstand. Dass die Frauenorganisation Cuman na mBan dabei eine wichtige Rolle spielt, war mir gar nicht so bekannt. In dieser irischen Rebellion verbindet sich der Kampf der Frauen für Emanzipation und Gleichberechtigung mit dem Kampf für ein freies und unabhängiges Land. Doch die Frauen werden von den Rebellen trotz ihres Einsatzes nicht auf Augenhöhe gesehen. Sie tragen auch hier die größte Last, denn die Männer sind oft abwesend, da sie in den Untergrund gegangen sind und so müssen die Frauen die Familien zusammenhalten. Die 16jährige Arbeiterin Eileen ist Mitglied einer nationalistischen Frauenorganisation, die gleichaltrige Josie arbeitet im unionistischen Familienpub. Als der Osteraufstand die Stadt in Atem hält, befinden sich die beiden mittendrin: Eileen aus Überzeugung, Josie aus Verzweiflung. Die Stadt brennt, die Freiheitskämpfer verschanzen sich auf dem Postoffice, in dramatischen Situationen kreuzen sich die Wege der beiden jungen Frauen, sie fühlen sich zueinander hingezogen und werden Freundinnen. Die Rebellion ist schnell niedergeschlagen und endet in einem Desaster. Doch der Befreiungskrieg hat gerade erst begonnen. Erst 1921 gibt es einen Waffenstillstand und somit das Ringen um einen irischen Freistaat. Südirland wird die Selbstverwaltung zugesprochen, von einer unabhängigen Republik und Frauenrechten kann nicht die Rede sein. Im Zuge der Auseinandersetzungen spaltet sich auch die Frauenbewegung Cumann na mBan. Eileen und Josie sind sehr mutig, gehen viele Risiken ein und sind füreinander da, obwohl sie aus unterschiedlichen politischen Lagern kommen. Doch nach dem Osteraufstand entfremden sie sich und treffen erst nach Jahren wieder aufeinander. Der irische Unabhängigkeitskrieg war brutal und daher sind Gewalt und Machtkämpfe auf verschiedenen Ebenen immer wieder Thema des Buches: Erschießungen auf offener Straße, Brandstiftung, Bespitzelung und Verrat unter Freunden. In den Reihen des Widerstands finden sich einige interessante Frauengestalten. Margaret, die sich wie ein Mann kleidet und eine eigene kleine Rebelleneinheit anführt. Oder die historisch verbürgte Gräfin Markiewicz mit Stiefeln und Federhut. Im Führungskreis gibt es mit einer Ärztin und ihrer Freundin auch ein lesbisches Frauenpaar. Zum Freundeskreis von Eileen und Josie gehört ein Männerpaar, das Angst vor Entdeckung haben muss. Das Buch spielt in den für Irland entscheidenden Jahren von 1916 bis 1922 und die halbdokumentarische Handlung wird ergänzt und weitererzählt durch teilweise aus späteren Jahren stammenden Zeitdokumenten wie Tagebuchaufzeichnungen, Interviews und Briefen von Frauen und Männern, die am irischen Freiheitskampf beteiligt waren. Mir hat Helmi Schausbergers Buch sehr gefallen und ich bin froh, dass zum ersten Mal die Geschichte von Cum na mBan erzählt wird. Es gibt immer wieder kurze Einschübe mit historischen Fakten und Erläuterungen und einen aufklappbaren Stadtplan Dublins aus jener Zeit.

eva 

Helmi Schausberger: Für ihr Land. Querverlag. Broschiert, 288 Seiten, März 2021. 18 €