Freies Filmkollektiv GENERATION TOCHTER will die Filmbranche aufmischen

„Drei Frauen, drei Generationen, ein Actionfilm! Hast du Bock da mitzumachen?”

Mit diesem Satz rief Hannes Linhard vor ziemlich genau einem Jahr ein Filmprojekt ins Leben, das sich heute GENERATION TOCHTER nennt. Eine Gruppe von Studierenden, sich alle irgendwie im Bereich des Films zu Hause fühlend, hatte in einer wilden Barnacht folgende Idee: gemeinsam und unabhängig von großen Produktionsfirmen einen Langfilm zu drehen. Einen Action-Thriller mit einer queeren Liebesgeschichte, produziert und gedreht in Berlin, umgesetzt von jungen Filmemacher*innen und allen Interessierten und Engagierten, die Lust haben, mitzuwirken. Was als kleines Projekt neben der Uni gestartet ist, hat sich mittlerweile zu einem 80-köpfigen Kollektiv entwickelt, das über Studierende, Filmemacher*innen und Kreative hinaus sogar Menschen umfasst, die anfangs gar nichts mit Film am Hut hatten. Das vielfältige Engagement der Kollektivmitglieder hat sich gelohnt: Das erste Drittel des Films wurde im November 2020 bereits erfolgreich abgedreht.

Neue Narrative für die deutsche Kino-Leinwand

Der Film zeigt eine weibliche Perspektive auf Gewalt und Action, wobei im Fokus stets die Hauptrolle Clara und ihre Emanzipation und Selbstfindung stehen. Eng damit verbunden ist die romantische Bindung zwischen Clara und Aleyna. “Es liegt uns sehr am Herzen, eine queere Liebesgeschichte zu erzählen, ohne dass die Gleichgeschlechtlichkeit der Beziehung groß thematisiert wird”, erläutert Naomi Rösick, eine der Produzent*innen des Films. Vielmehr sollen alternative Beziehungsformen im deutschen Film normalisiert und Strukturen und Ideen präsentiert werden, die in kommerziellen Produktionen kaum Gehör finden.

Das Projekt erzählt die Geschichte der 17-jährigen Clara (gespielt von Alida Stricker), die seit Jahren mit ihrer Mutter Dagmar (Linda Sixt), einer ehemaligen RAF-Terroristin, im Untergrund lebt. Diese finanzierte das Leben der beiden bisher durch Überfälle. Um damit abzuschließen und ein neues Leben zu beginnen, wenden sich Dagmar und ihre Tochter an Claras Ziehmutter, Samira (Jillian Anthony), in deren Haus sie am Berliner Stadtrand unterkommen.

Doch schon bald gerät das Leben der drei in Gefahr. Ein korrupter BKA-Beamter und ehemaliger Freund von Dagmar (Silvio Hildebrandt) hat Beweise gegen sie in der Hand und erpresst sie, weitere Überfälle zu begehen. Schnell wird Clara in die Überfälle involviert und übernimmt nach und nach das Kommando. Durch ihre neuen Freiheiten beflügelt, lernt Clara im nächtlichen Großstadtleben Aleyna (Bayan Layla) kennen, die ihr aufzeigt, in welch prekäre Lage die Überfälle sie gebracht haben. Clara wird klar, dass sie ihr eigenes Leben gestalten und nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter treten will. Es beginnt eine Emanzipations- und Liebesgeschichte, verpackt als Coming-of-Age Action-Thriller, in dem es ums Erwachsenwerden geht, darum, sich von der elterlichen Lebensweise loszulösen und sich selbst kennenzulernen.

Gezeigt wird die komplexe Entwicklung einer jungen Frau vor dem Hintergrund von Gewalt, kontroversen weiblichen Vorbildern und dem Drang nach Unabhängigkeit. “I am thrilled to be part of a project like this, that sets diversity and feminist standards, but also work with a story that follows incredible strong and fascinating women”, bringt die Regisseurin Marielle Sjomo Samstad ihre Motivation für das Projekt zum Audruck. Gerade in Actionfilmen würden komplexe weibliche Charaktere fehlen, bedauert sie. So würden Frauen zwar durchaus Hauptrollen in diesem Genre besetzen, allerdings bliebe der emotionale Bezug und die Identifizierung mit den Charakteren auf der Strecke.

Die Story involviert bewusst vier weibliche und nur eine männliche Hauptrollen. Der Film möchte neue Perspektiven auf die Leinwand bringen, denn Film formt durch seine bildhafte Sprache den Blick auf die Gesellschaft. Und wer nicht gezeigt wird, existiert nicht. “Als Mann und mit anderem kulturellen Hintergrund, ist es mir ein persönliches Anliegen neue Narrative zu fördern”, verdeutlicht Dareios Haji Hashemi, Produzent. „Nicht nur, weil diese unterrepräsentiert sind, sondern auch, weil ich mich mit in der Verantwortung für eine Veränderung des Jetzt sehe. Dabei ist der feministische Gedanke der Gleichberechtigung aller ein persönlicher Antrieb.” GENERATION TOCHTER möchte neue Held*innen schaffen und den Kampf gegen das Böse nicht nur männlichen Charakteren überlassen.

Unterrepräsentierten Gruppen Raum für kreative Arbeit bieten

Das „Tochter“ im Kollektiv-Namen steht für weibliche Emanzipation, speziell in der Filmbranche. Das Kollektiv will auf die strukturelle Unterrepräsentation von Frauen in der deutschen Filmlandschaft aufmerksam machen. Denn Frauen ist der Einstieg in die kreative Branche strukturell erschwert. So führten laut Diversitätsbericht des Bundesverband Regie e. V. von 2011 bis 2017 bei nicht mal ein Viertel aller deutschen Kinospielfilme Frauen Regie (BVR 2017: 14). „Diese Strukturen wollen wir aufbrechen“, erklärt Nicola Herrmann, ebenfalls Produzentin. „Von Anfang an war es GENERATION TOCHTER wichtig, einen Film zu drehen, der nicht nur vor der Kamera neue Narrative zeigt, sondern auch hinter der Kamera gleichberechtigt produziert und gestaltet wird”. So werden in der Vergangenheit überwiegend von Männern geleitete Departments im Kollektiv traditionell mit Frauen besetzt, sodass rund 60% des Kollektivs weiblich sind. So wird ein Raum geschaffen, sich auszuprobieren, Kontakte zu knüpfen und einen professionellen Film zu drehen und produzieren. Der feministische Anspruch soll insbesondere Frauen ermöglichen, umfangreiche Erfahrungen zu sammeln, um es später leichter im Berufseinstieg zu haben. Derart viele Menschen für die Mitarbeit zu begeistern, hat neben dem feministischen Leitbild auch mit der Vision der kreativen Zusammenarbeit des Kollektivs zu tun. Demnach kann jede*r sich frei und nach eigenen Verfügbarkeiten sowie Vorlieben in der Filmproduktion engagieren, freiwillig und unentgeltlich. Dabei bringen alle Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen Erfahrungen, Fähigkeiten, Kreativität und Energie ein. Jede*r soll sich willkommen fühlen, und die Möglichkeit erhalten, an einem Spielfilm mitzuwirken, das war von Anfang an klar. Es wird aktiv versucht, Diskriminierungen entgegenzutreten und ein diverses Team zu bilden. Alle Kollektivmitglieder vereint die gemeinsame Vision, einen Film zu drehen, der etablierte Rollenbilder, eingerostete, überholte Produktionswege und industrielle Vorstellungen darüber, wie ein Film zu sein hat, sprengt.

Perspektiven für Nachwuchsprojekte schaffen

GENERATION TOCHTER setzt sich darüber hinaus für neue Perspektiven für Nachwuchsprojekte ein, die derzeit noch wenig gefördert werden. Das Kollektiv fordert feste Strukturen für die finanzielle Unterstützung neuer Ansätze und kleinerer Projekte, um die Innovation von Kunst und Kultur, gerade während der Pandemie, zu ermöglichen. Finanziert wurden die Dreharbeiten bisher über ein Crowdfunding auf der Plattform Startnext und Kooperationspartner* innen, die u. a. mit Technik, Requisiten und Catering aushalfen. Auch der zweite Drehblock, der im März in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden soll, wird auf diese Weise finanziert. Bis Anfang Februar konnte dafür auf der Plattform gespendet werden. Der Film soll, wenn alles gut läuft, Ende des Jahres fertig werden und im Frühjahr 2022 auf verschiedenen nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt werden. Und DER große Traum des Kollektivs ist eine Kinoauswertung.

kira sutthoff

Mehr Infos & Kontakt:

www.generation-tochter.de

Fotos vom Set: Finnegan Godenschweger