Neu in der Region: Trans*Beratung Weser-Ems

„Das hätte ich damals gebraucht!“ – Nur einer der Kommentare zur Eröffnung der Trans*Beratung Weser-Ems. Seit November 2018 gibt es ein hauptamtliches Beratungsangebot zum Thema Trans*Geschlechtlichkeit in der Region. Trans*Beraterin Freyja Pe* von Rüden berät in verschiedenen Städten zwischen Weser und Ems, zunächst in Oldenburg, Emden, Meppen und Vechta.

Infos zur Trans*Tagung vom 1.-3. März siehe unten

„Es ist schwierig, Menschen, die glücklich mit ihrem Geburtsgeschlecht sind, zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn etwas nicht stimmt,“ heißt es auf der Webseite der Beratung. Die Unwissenheit zum Thema Trans*Geschlechtlichkeit ist nach wie vor groß. Hauptamtliche Trans*Beratungen gibt es in Deutschland nur wenige und fast ausschließlich in Ballungszentren. Dabei ist gerade in ländlichen Regionen, wie dem Oldenburgischen, Ostfriesland und dem Emsland schwer, wertschätzende Unterstützung zu finden. Während Lesben und Schwule in ihren Kämpfen um Anerkennung recht erfolgreich waren, haben trans*geschlechtliche Menschen von dieser Entwicklung lange kaum profitiert. Menschen, die juristisch ihren Namen und/oder Personenstand ändern lassen wollen, sehen sich nach wie vor mit einem menschenrechtlich zweifelhaften System konfrontiert; wer medizinische Hilfe bei der Geschlechtsangleichung sucht, muss sich zudem mit den – manchmal recht willkürlichen – Entscheidungen von Krankenkassen auseinandersetzen. Ein Trans*Weg ist durch den diskriminierenden Umgang oft belastend.

Nur langsam zeichnet sich ein Wandel ab. So sind 2018 neue medizinische Behandlungsrichtlinien herausgekommen, die einen flexibleren Umgang ermöglichen und die Existenz nichtbinärer Geschlechtsidentitäten außerhalb der strikten Zweigeschlechtlichkeit von Frau und Mann anerkennen. Eine Zwangs-Psychotherapie als Voraussetzung für geschlechtsangleichende Maßnahmen wurde endlich abgeschafft. Doch auch diese Fortschritte schaffen neue Unsicherheiten. Wie sich die Krankenkassen zu den neuen Behandlungsrichtlinien verhalten werden, ist noch nicht absehbar. Und durch den Wegfall der Zwangs-Therapie vergrößert sich der Bedarf nach psycho-sozialer Beratung außerhalb therapeutischer Kontexte.

Handlungsbedarf erkannt

Dass Handlungsbedarf in Sachen Trans*Beratung in Niedersachsen besteht, hat man beim Queeren Netzwerk Niedersachsen (QNN) erkannt. Im Rahmen von TiN (Trans* in Niedersachsen), dem landesweiten Netzwerk von Trans*Aktivist_innen, wurde lange über einen Masterplan für den Aufbau von Trans*Beratungen im Bundesland diskutiert. „Auch wenn Oldenburg eine kleine Großstadt ist, darf man den Einzugsbereich nicht unterschätzen“, meint Freyja Pe* von Rüden, „die Weser-Ems-Region insgesamt ist mit 2,4 Millionen Einwohner_innen ähnlich groß wie Hamburg. Die Bundesvereinigung Trans* geht davon aus, dass je Million Einwohner_innen langfristig eine volle Stelle für Trans*Beratung notwendig ist – da sind wir noch weit von entfernt.“ Ein Anfang ist jetzt gemacht. Das Land Niedersachsen fördert die Trans*Beratung im Rahmen der Kampagne für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Eine ganze Zeit hat TiN nach einem Träger für den Aufbau der Beratung gesucht, bis der Verein Trans*Recht e.V., der seit 2014 die Trans*Beratung im benachbarten Bremen betreibt, die Sache in die Hand genommen hat.

Was und wo wird beraten?

Die Themen der Trans*Beratung sind vielfältig: Neben rechtlichen und medizinische Fragen spielen Themen rund um Beziehungen und Familie (auch für Partner_innen und Eltern), Arbeit, Schule, Ausbildung und Studium eine große Rolle. Das Coming Out als trans* ist oft mit großen Selbstzweifeln und Unsicherheiten verbunden und mit Diskriminierung und Mobbing machen viele trans* Personen Erfahrungen. Darüber hinaus unterstützt die Trans*Beratung bei der Suche nach Fachleuten, z.B. Ärzt_innen und Rechtsanwält_innen. Neben der Beratung von trans* Personen spielt auch die Beratung von Menschen, die z.B. als Lehrer_innen, Kolleg_innen oder Sozialarbeiter_innen mit dem Thema Trans* konfrontiert sind, eine große Rolle. Die Trans*Beratung Weser-Ems arbeitet eng mit der AIDS-Hilfe Oldenburg zusammen, bei der sich Freyja Pe* von Rüden mit ihrem Büro auch „unterm Dach“ einquartiert hat. Neben den Räumen der AIDS-Hilfe nutzt die Trans*Beratung auch einen barrierefreien Beratungsraum im Familienzentrum Osternburg, wo u.A. die offenen Beratungszeiten ohne feste Terminvereinbarung stattfinden. „Uns ist eine gute Zusammenarbeit mit anderen psycho-sozialen Beratungen und Familienberatungen wichtig“, so Freyja Pe* von Rüden, „schließlich ist Trans*Geschlechtlichkeit ein übergreifendes Thema, das nicht nur an Szene-Orten Platz haben soll.“ Durch die Kooperation mit dem Familienzentrum ist hier ein guter Anfang gemacht. In Emden finden Beratungen im Life-Point beim Gesundheitsamt statt, wo auch die Beratungsstelle für Eltern intergeschlechtlicher Kinder sitzt. „Eine enge Zusammenarbeit mit der Inter*Beratung ist uns wichtig“, betont Freyja Pe* von Rüden, „schließlich gibt es eine Menge Überschneidungen. Es ist gut, wenn wir direkt aufeinander verweisen können.“ Im Emsland nutzt die Trans*Beratung den „Freiraum“ in Meppen als Beratungsort. Die Trans*Beratung ergänzt die bestehenden Angebote für trans*geschlechtliche Menschen in der Region um ein professionelles Beratungsangebot. „In einigen Orten in der Region gibt es Selbsthilfegruppen und Ehrenamtliche, die zu Trans*Themen beraten“, so Freyja Pe* von Rüden, „die leisten eine wichtige Arbeit. Da sind wir auf keinen Fall eine Konkurrenz, unsere Rolle als Beratungsstelle ist eine andere.“ Der Trans*Beratung ist es wichtig, ergebnisoffen zu begleiten und unterschiedliche Selbstdefinitionen wertschätzend anzunehmen, ob transsexuell, transident, nicht-binär, genderqueer, Crossdresser oder gendernonconforming.

freyja pe* von rüden

weser.ems@trans-recht.de

Mehr Infos & Kontakt:

Trans*Beratung Weser-Ems, Bahnhofstr. 23, 26122 Oldenburg,

0160-5889070, transberatung-weser-ems.de

Biographische Notizen:

Freyja Pe* von Rüden, Jahrgang 1970, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist seit November 2018 hauptamtlich als Trans*Beraterin für die Weser-Ems- Region tätig. Sie hat in Göttingen und Bremen Philosophie studiert. 2017 hat sie die berufsbegleitende Ausbildung zur systemischen Beraterin begonnen. Freyja Pe* arbeitet seit 2009 bei einem Sprachkursträger in Oldenburg und unterrichtet neben ihrer beratenden Tätigkeit weiterhin Deutsch für Migrant_innen. Als nichtbinär trans*weibliche Person engagiert sie sich seit 2015 beim Bremer Verein Trans*Recht e.V.

Trans*Tagung vom 1. – 3. März in Oldenburg

Am ersten Märzwochenende findet in Oldenburg die zweite niedersächsische Trans*Tagung des Netzwerkes TiN (Trans* in Niedersachsen) statt. Noch immer ist Trans*Geschlechtlichkeit marginalisiert und die erstarkende Rechte fordert unverhohlen die Restauration rigider Geschlechternormen. Doch im letzten Jahr ist auch viel in Bewegung geraten, von der Veröffentlichung neuer medizinischer Behandlungsrichtlinien bis zur„3. Option“ beim Geschlechtseintrag. Zeit, sich zusammenzusetzen, zu vernetzen und Perspektiven zu diskutieren. Die Trans*Tagung richtet sich an alle interessierten trans*und abinären/nicht-binären Personen aus Niedersachsen und darüber hinaus. Weiterhin sind Angehörige, Freund*innen und Interessierte herzlich willkommen … und alle die sich für ein Leben jenseits der Geschlechtergrenzen und der heteronormativen Welt interessieren und informieren möchten. Im Fokus des Wochenendes stehen die Vernetzung und das Empowerment der lokalen trans*und abinär/nicht-binären Communities. Es gibt ein vielfältiges Programm aus Vorträgen, Workshops, Film, Podiumsdiskussion, und vielem mehr. Die Tagung wird vom Queeren Netzwerk Niedersachsen (QNN) ausgerichtet und vom Land Niedersachsen im Rahmen der Kampagne für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gefördert. Weitere Infos, Programm und Anmeldung demnächst unter q-nn.de/tin Infos und Fragen: trans.inter-orga@q-nn.de