TV | „Princess Charming“ erobert die Community

Lesbische Sichtbarkeit und Dating-Show…geht das?

Am 25. Mai 2021 war es soweit: Beim Streaming­portal TVNow startete mit „Princess Charming“ die erste lesbische Dating Show weltweit. An­lass, einen kurzen queeren Blick auf die Show zu werfen…

Was für eine Show ist das überhaupt?

„Princess Charming“ ist eine „Reality-Dating- Show“ und die lesbische Version der sog. „Bache­lor-Formate“. Die „Bachelor“-Formate sind an sich nicht neu. Die heterosexuellen Formate gibt es in der BRD schon seit 2003 („Der Bachelor”) und 2004 („Die Bachelorette“). Das Prinzip der Show in Kürze: Ein*e attraktive*r Junggesell*in (Der*die Bachelor*ette) macht sich unter ca. 20 attraktiven Single-Kandidat*innen auf die Suche nach der vermeintlich großen Liebe. Die Teilnehmer*innen wohnen in einer Villa und lernen sich in roman­tisch und luxuriös inszenierten Einzel- und Grup­pendates kennen. Wöchentlich scheiden dann immer einige Kandidat*innen aus und müssen die Villa verlassen, bis im Finale schließlich die Entscheidung für „den*die Traumpartner*in“ fällt. Die Paare, die hierdurch entstehen sollen, bleiben allerdings im realen Leben nach der Show nur äußerst selten zusammen.

Queere Zielgruppe

Nach den Heteroformaten „Der Bachelor“ und „Die Bachelorette“ hat die RTL Medien-Gruppe, nun auch weitere Zielgruppen im Blick. 2019 startete erstmals ein schwules Bachelorformat namens „Prince Charming“ erfolgreich. Das Format lief zunächst nur auf der Streaming­plattform TVnow und schaffte es dann aber ins abendliche Spätprogramm bei Vox. Als erstes Dating-Format überhaupt wurde es außerdem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Die Jury lobte, die Sendung vermittle „echte Vielfalt“, gebe „Raum um Botschaften für mehr Toleranz in die Welt zuschicken“ und sei „ernsthaft und unterhaltsam zugleich“. Nun gibt es seit Mai das lesbische Format „Princess Charming“ auf TVnow zu sehen. Ein Grund, einen genaueren Blick auf die weltweit erste lesbische Dating-Show zu werfen!

Community spricht mit

Spannend bei „Princess Charming“ ist, dass das Format ursprünglich anders geplant war. Im Anfangskonzept sollte eine „Bi-Lady“ so­wohl von Männern als auch Frauen umgarnt werden. Dieses Showkonzept versprach viele Skandale und Auseinandersetzungen unter den Teilnehmer*innen und die Frage: „Wer gewinnt: Die Frauen oder die Männer?“. Auf Wunsch und Kritik von Zuschauer*innen und Bewerber*innen wurde das Konzept zum Glück geändert, sodass aus dem lesbisch/bi/-Format ein rein lesbisches Format wurde. An dieser Stelle Chapeau an die Produktion! Die lesbische Community hat die­sen Schritt hin zu mehr lesbischer Sichtbarkeit positiv aufgefasst. Und der Aufregungsmoment, dass sich auch Teilnehmer*innen gegenseitig attraktiv finden könnten, blieb im angepassten Konzept natürlich trotzdem bestehen. Dass sich die Produktion nicht nur beim Aufbau der Show auf die lesbische Community eingelassen hat, merkt man u.a. auch an der Musik und den Kame­raeinstellungen, die weniger (!) sexualisierend als in anderen Bachelor-Formaten scheinen.

Lesbische Sichtbarkeit

Das Thema Lesbische Sichtbarkeit ist für viele der Teilnehmer*innen1 ein wichtiges Thema. Immer wieder betonen sie auch ihre Vorbild­funktion, manche sprechen sogar von einem Bildungsauftrag: Sie selbst hätten sich in ihrer Jugend gewünscht, eine ähnliche Show sehen zu können. Dadurch ist den Teilnehmer*innen bewusst, welche Verantwortung sie als queere Repräsentant*innen tragen. Auch die Redaktion scheint sich dieser Verantwortung klar (gewor­den) zu sein. Während in anderen Formaten

1 Hä, warum schreibt sie „Teilnehmer*innen“? Sind das nicht einfach alles Frauen – es handelt sich doch um ein lesbisches Format? Tatsächlich sind nicht nur Frauen bei „Princess Char­ming“ dabei. Das Schöne an den Begriffen „lesbisch“ oder „lesbisches Begehren“ ist ja auch, dass sie unterschiedliche Bedeutungen haben können und sich durchaus auch Per­sonen darauf beziehen können, die sich nicht oder nicht-aus­schließlich als Frauen verstehen. Bei der ersten Staffel von „Princess Charming“ ist auch eine nicht-binäre Person dabei. Daher schreibe ich von

Streits und Auseinandersetzungen durchaus zum Showkonzept dazu gehören und für die Ausstrahlung in Szene gesetzt werden, geht „Princess Charming“ einen anderen Weg. In der ersten Folge der ersten Staffel kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Frauen. In anderen Dating-Formaten wäre das ein gelungener Skandal gewesen. Bei „Princess Charming“ wird die Auseinandersetzung nicht gezeigt und die beiden Involvierten müssen die Show einfach verlassen. Für die Reality-TV-Welt ist das eine echte Besonderheit. Damit wird betont: In dieser Show haben Auseinandersetzungen die­ser Art keinen Platz, denn die Teilnehmer*innen nehmen als Repräsentat*innen für eine queere Community teil, die sich von Gewalt abgrenzt. Die Vorbildfunktion findet sich auch noch an anderen Stellen: Mit ihrer sexuellen Orientierung gehen alle Teilnehmer*innen selbstbewusst um. Das schien im Auswahlprozess ein wichtiges Element gewesen zu sein. Übrigens: Nicht alle bezeichnen ihre Orientierung als lesbisch, fühlen sich jedoch angesprochen als Teilnehmer*innen einer lesbi­schen Dating-Show. Durch ihr selbstbewusstes Auftreten machen die Teilnehmer*innen auch Mut für queere Zuschauer*innen oder können als queere Vorbilder verstanden werden. Auch das ist ein großer Unterschied zu den Heteroformaten, in denen es für viele Teilnehmer*innen darum geht, ihren Bekanntheitsgrad durch die Teilnahem zu steigern. Die Teilnehmer*innen bei „Princess Charming“ zeigen sich viel authentischer und offener als ihre hetero Kolleg*innen. Dem Ver­antwortungsgefühl der Teilnehmer*innen ist auch zu verdanken, dass die Show für ein Reality Format insgesamt erstaunlich harmonisch ist. Die Kandidat*innen verstehen sich, bis auf die eben genannte Ausnahme meist gut und sind bemüht, einen freundlichen Umgang miteinander zu pfle­gen. Für mich war „Princess Charming“ ein echtes „Feelgood Reality Format”, weil es auch einfach schön war zu sehen, wie die Teilnehmer*innen sich gegenseitig unterstützen, in den Arm neh­men, Kuscheln oder auch über Eifersucht spre­chen. Für manche Teilnehmer*innen entwickelte sich auch durch die Show ein Community-Feeling. Die Show war also mehr als die typische „Reality- Show“, sondern sie hatte auch zum Ziel, lesbi­sches Begehren und queere Personen sichtbar zu machen – und zwar nicht mit einem (ausschließ­lichen) Heteroblick, wie das sonst üblich ist, sondern mit einem queeren Blick, der durchaus auch mehr lesbische Sichtbarkeit schafft!

Wer genau waren aber nun die Teilnehmer*innen der ersten Staffel „Princess Charming“? Für die Bachelor-Formate werden generell Personen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren gecastet. Der Großteil bewegt sich zwischen Mitte zwan­zig und dreißig. Alle sollen außerdem auch als attraktiv empfunden werden können. Die Teilnehmer*innen bei „Princess Charming“ entsprechen diesen Kriterien. Und doch sind sie – in einem Rahmen, den eine Reality Show eben abdecken kann – recht vielfältig von Butch über Femme über ganz anders. Auch die Themen, die ausgestrahlt und diskutiert werden, bieten durchaus Möglichkeiten der Vervielfältigung des Mainstreams. Unter den Teilnehmer*innen werden zum Beispiel Themen verhandelt wie „Was bedeutet Maskulinität/Feminität?“. Auch die „Penetrationsfrage“ (wie haben Lesben Sex ohne Penis?) wird diskutiert. Ihr gibt der Sender einige Minuten Sendezeit. Klar: Für eine lesbisch-queere Community ist diese Frage weniger interessant als für eine nicht-queere Community. Aber die Show hat auch einige aufklärerische Momente, die nicht nur für eine nicht-queere sondern auch für die queere Community spannend sind. So wird unter dem Stichwort „Viva la Vulva“ zum einen die Viel­falt von Vulven gefeiert und die Teilnehmer*innen tauschen sich über Unsicherheiten und ge­sellschaftliche Normen zu Genitalien aus. Zum anderen diskutieren die Teilnehmer*innen auch darüber, dass es problematisch ist, eine lesbische Frau mit Penis nicht attraktiv zu finden und sprechen über Transfeindlichkeit. Darüber hinaus ist auch lesbische Sexualität ein präsentes Thema: es wird viel geknutscht oder bei einem Kaffeekränzchen über sexuelle Vorlieben und Orgasmen gesprochen. Im Vergleich zu den hetero-Formaten sprechen die Teilnehmer*innen viel offener und wirken auch hier authentischer. Auch wenn die Meinungen an manchen Stellen unter den Teilnehmer*innen auseinandergehen, ist der Umgang miteinander stets respektvoll.

Mein Fazit

Ich finde die erste lesbische Dating-Show zeigt durchaus, dass lesbisches Begehren auch im TV (oder vorerst Streamingdienst) sichtbar sein kann ohne ausschließlich Klischees zu bedienen. In der Tat würde ich sagen die queere Show bedient weitaus weniger Klischees als die Bachelor-Hete­roformate. Beim Heteroformat „Die Bachelorette“ müssen die Männer bspw. eine „Männlichkeits­challenge“ mit Reifenwechsel auf Zeit durchfüh­ren, während die Bachelorette die Zeit stoppt – mehr Männlichkeits- und Weiblichkeitsklischee gehten kaum! „Princess Charming“ schafft es auch, einige aufklärerische und empowernde Momente für queere und nicht-queere Menschen zu zeigen. Trotzdem darf man die Show eben nicht als queeres Bildungsfernsehen verstehen. Sie ist und bleibt ein Reality-TV-Format, das sich erfolgreich an neue queere Zielgruppen richtet. Damit verbunden ist natürlich immer auch das Ziel von Seiten der TV-Sender, neue Märkte zu erschließen und bspw. durch Product Placement (es gibt immer einen Hauptsponsor und „Signa­ture Drink“) neue Zielgruppen zu erschließen. Für die Zukunft würde ich mir von der Redaktion auch noch mehr Sensibilität wünschen. In den Voiceovers wird immer von „Frauen“ gesprochen, d.h. hier werden die Teilnehmer*innen, die keine Frauen sind, misgendert. Das Schöne ist, dass einige der Teilnehmer*innen im Laufe der Show für ihr Sprechen sensibler zu werden scheinen und ihr eigenes Sprechen inklusiv gestalten und bspw. von „Personen“ sprechen. Daran darf sich die Redaktion für die kommende Staffel gerne ein Beispiel nehmen und lesbisch weiter denken. Trotz dieser Kritikpunkte: Ich finde man kann sich trotzdem darüber freuen, dass Mainstream-TV lernfähig ist und das Community-Feeling im TV genießen.

Wie geht es weiter?

Für alle Fans geht es übrigens auch nach dem Staffelende noch weiter. Denn das Community- Feeling, was sich in der Show etabliert hat, können Zuschauer*innen auch später noch er­leben. Zum einen geht die Show in den Sozialen Medien weiter – durch die Protagonist*innen und die Freundschaften, die während der Show entstanden sind finden sich auf den Kanälen der Teilnehmer*innen weitere gemeinsame Inhalte. Zum anderen gehen die Freundschaften auch weiter in die Community außerhalb des Princess- Universums hinein: zum Beispiel, wenn die ehe­maligen Teilnehmer*innen den CSD besuchen und dort mit anderen connecten oder Youtuberin Annika Zion mit einigen der Teilnehmer*innen ein alternatives Ende für die Show dreht.

Eine zweite Staffel von „Princess Charming“ wird es übrigens auch geben. Sogar noch bevor die erste Staffel überhaupt abgeschlossen war, wurde eine neue Staffel in Auftrag gegeben. Die Zuschauer*innenzahlen hat die RTL Mediengrup­pe nicht veröffentlicht. Nur so viel wurde verraten: Die Show war erfolgreich und schaffte es in die Top 10 der Reality Formate auf dem hauseige­nen StreamingPortal TVnow. Für alle die jetzt neugierig geworden sind und wissen wollen, wer das „Princess-Herz“ erobert hat: „Princess Char­ming“ ist zur Zeit nur bei TVnow zu streamen, wird jedoch bald auch auf Vox im Free-TV ausgestrahlt werden. Jetzt geht es erstmal wieder weiter mit der dritten Staffel von „Prince Charming“ (auch nur auf dem Streamingportal, später dann im TV). Der Prince kommt dieses Mal aus unserer Region, nämlich aus Bremen. Mal schauen, ob die nächste Princess vielleicht ja aus Oldenburg kommt. Noch sind Bewerbungen möglich.

 

marianne hamm | www.marianne-hamm.de

Biographische Notizen:
Marianne Hamm ist leidenschaftliche Trash-TV Guckerin. Für die Zeitschrift für Sexualforschung hat sie die Formate „Der Bachelor“ „Die Bachelorette“ und „Prince Charming“ Anfang 2021 wissenschaftlich untersucht.
Dann kam „Princess Charming“ raus und Mariannes Trash-TV-Liebe erreichte ein neues Level. Marianne ist Sexualpädagogin, Kultur- und Genderwissenschaftlerin sowie Sexualwissenschaftlerin.