Prosa | Westberlin: ein sexuelles Porträt.

(RoZ) Der Auftakt zu dieser etwas anderen queeren Geschichte Westberlins, einer ebenso umfang­reichen wie kurzweilig zu lesenden Anthologie zum Teil sehr persönlich gehaltener autobiogra­fischer Texte und Interviews, ergänzt um weithin unbekannte Illustrationen, ist klug gewählt.

Denn die lesbische Aktivistin, Journalistin und (Porno-) Filmexpertin Manuela Kay – die zu den wenigen hier vertretenen Autor_innen gehört, die schon vor Ort aufwuchsen, in ihrem Fall in Neukölln gleich an der Mauer – setzt dem ver­breiteten nostalgischen Hype um die vergangene „Wall City“ eine erfahrungsgesättigte Coolness entgegen, die den Blick auf das aktuelle Berlin schärft. Wenn sie etwa den Glam-Faktor im le­gendären Dschungel von einst für gleichermaßen überbewertet hält wie den sagenumwobenen Sex im Berghain von heute, weiß, wer sie damals schon hörte, die ebenso warme wie raue Stimme quasi weiter „auf Sendung“, mit der das linke schwul-lesbische Eldoradio aus dem Schöneber­ger Funkhaus in den 1980ern Kult wurde – und am Ende kam stets die Klospülung, bevor sich ein rechtspopulistischer Sender auf der gleichen Frequenz mit dem „Deutschlandlied“ meldete.

Für meinereins war es das Signal zum Abschalten. Wenn keine Demo anstand, bereitete man sich auf die Nacht vor und legte vielleicht den Fummel oder ein improvisiertes BDSM-Outfit an – dass in der Halbstadt Selbermachen, also Kreativität aus Mangel, verbreitet war und Geld nicht ganz so wichtig, dass die angesagten Treffpunkte viel „gemischter“ oder inklusiver waren als heute und man in der Regel, wenn man wollte, in wel­chem Zustand auch immer im Morgengrauen unbeschadet wieder in seiner Bleibe ankommen konnte, geht aus den Beiträgen des Buches vielfach hervor. Eine Art Vorschein aufs „queere Paradies“ also?

Gewiss nicht, aber zumindest könnten engagierte Nachgeborene aus diesen Selbstauskünften ein paar neue Perspektiven fürs Hier und Heute gewinnen. Allerdings wäre es sinnvoll gewesen, wenn der Herausgeber in seiner Einleitung in ein, zwei Absätzen sachlich die besondere Situa­tion dieses völkerrechtlich einmaligen Gebildes „Westberlin“ dargestellt hätte, statt nur den ominös bleibenden Hinweis zu geben, es sei bis heute ein Politikum, ob man es mit oder ohne Bindestrich schreibe. Denn tatsächlich übernahm 1989/90 das nationale Programm, das „wir“ nicht hören wollten.

Plötzlich wurde alles, was hier möglich gewesen war, zur gesamt(bundes)deutschen Angelegen­heit. So gilt der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers…“ von 1971 als Ausgangspunkt ei­ner Erfolgsgeschichte der zweiten deutschen Schwulenbewegung, die ihre Krönung mit der Ehe für alle erfahren habe. Dabei erzählt er von einem jungen Westdeutschen, der exemplarisch die in der Halbstadt, anders als in Wanne-Eickel oder Heilbronn, gedeihenden unterschiedlichen schwulen Szenen durchläuft, um sich schließlich, bezeichnenderweise stumm ergeben, in einer studentischen WG belehren zu lassen, worauf es wirklich ankomme.

Die „schwule Ehe“ als Glücksvorstellung sollte es jedenfalls nicht sein: Sie wurde im gesprochenen Kommentar vehement abgelehnt. Blieb als ko­härenteste der am Ende des Agitprop-Streifens erhobenen Forderungen die nach „besseren Kneipen“. Die überwiegend aus dem Bundesge­biet zugezogenen jungen Männer, geflüchtet vor dem in ihrem Land verbindlichen Zwangsdienst, die im Anschluss an den Film die kurzlebige Ho­mosexuelle Aktion Westberlin gründeten und nach fruchtlosen Theoriedebatten bald zu einem lokal geerdeten Hedonismus fanden, haben sie auch im übertragenen Sinn erfüllt.

Ob SchwuZ oder Eisenherz-Buchladen, ob Schwulenberatung oder Aidshilfe, schufen sie eine Infrastruktur, die noch heute trägt, zumal sie sich inzwischen queerer Vielfalt geöffnet hat. Die einstigen „Bewegungsschwestern“ – Egmont Fassbinder, Wilfried Laule, Peter Hedenström, Dieter Telge u. a. – haben ihren verdienten Platz in diesem Erinnerungsbuch, aber sie tragen hier einmal nicht zur „Siegergeschichte“ bei, sondern lassen ihr sexuelles Westberlin so privat Revue passieren, wie sie in der Nachschau eben drauf sind, und das macht gute, bisweilen anrührende Lektüre.

Das große Verdienst des Bandes ist es, diese Erzählung von Emanzipation im umzäunten So­ziotop mit zwei anderen zu flankieren und damit auch zu relativieren, die sich dort gleichzeitig abspielten – und alle drei überschnitten einander punktuell, wenn auch aus heutiger Sicht nicht genug, um gemeinsam gesellschaftsverändernd werden zu können.

Parallel zur schwul-lesbischen Sichtbarwerdung kam es in Westberlin nämlich zu einer bis heute international wirksamen Selbstverständigung der trans* Community, wobei wichtige Ausei­nandersetzungen vor allem rings um den Club „Chez Romy Haag“ stattfanden, in dem, neben den Tourist_innen, die das Geld brachten, trans* Leute, Punks und Menschen vom Strich auf­einandertrafen und der zeitgeschichtlich weit bedeutender erscheint, als es die Promi-Tränke in der Nürnberger Straße je war. Wahre Schätze einer zukunftsgewandten queeren Erinnerungs­kultur können so die Beiträge von Nora Eckert, Gérôme Castell u. a. sein sowie das hier erstmals auf Deutsch veröffentlichte Berlin-Kapitel aus den Memoiren „Man Enough to Be a Woman“ der Stonewall-Veteranin Jayne County, die ihr Buch meiner in der Potsdamer Straße ermordeten Freundin Tara O´ Hara, bekannt aus Rosa von Praunheims Film „Stadt der verlorenen Seelen“ von 1983, widmete.

Das Gleiche gilt für die auch literarisch beste­chenden Originaltexte von DJ İpek İpekçioğlu, die das Format Gayhane mit kreierte, den „Neuen Wilden“ Maler, Schauspieler und Bauchtänzer Cihangir Gümüştürkmen, Gladt-Mitbegründer Koray Yılmaz-Günay, der hier seine Kindheit in einer Art Kreuzberger Niemandsland schildert, u. a., die das von „uns“ seinerzeit viel zu wenig beachtete Wachsen einer queermigrantischen Szene beschreiben – selbst schuld, dass wir es dafür anschließend mit „Deutschland“ zu tun bekamen!

salih alexander wolter

Heinz-Jürgen Voß (Hg.): Westberlin – ein sexuelles Porträt. Psychosozial-Verlag, Buchreihe Angewandte Sexualwissenschaft. 326 Seiten, Juli 2021. 36,90 €