„Ein gewisser Ton zweideutiger Väterlichkeit jungen Männern gegenüber“

Zu Marcel Prousts 100. Todestag

„Ein gewisser Ton zweideutiger Väterlichkeit jungen Männern gegenüber“

Als Marcel Proust 1919 für den zweiten Band seines großen Romanwerks „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) den renommierten Prix Goncourt erhielt, wurde er auf einen Schlag berühmt. 1922, vor hundert Jahren, in Prousts Todesjahr, folgte dann der vierte Band „Sodome et Gomorrhe“ (Sodom und Gomorrha).

Dieser reihte sich ein in eine Serie literarischer Werke mit homoerotischer Thematik, die am Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen waren und große Aufmerksamkeit erweckten: „L’immoraliste“ und „Corydon“ von André Gide, „Tonio Kröger“ und „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Michael“ von Herman Bang, „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil, „Der Skorpion“ von Anna Elisabet Weirauch usw.

Anders als bei diesen handelt es sich bei Proust um eine – zum Teil autobiographisch angeregte – Kombination von Künstler- und Gesellschaftsroman. Der Ich-Erzähler ist ein aufstrebender junger Mann aus dem Bürgertum mit schriftstellerischen Ambitionen, die ihn in den Augen der gehobenen Gesellschaft um 1900 interessant erscheinen lassen. Zu deren Abendgesellschaften eingeladen, wird er ein aufmerksamer, auch kritischer Zuschauer, der Personen und Vorgänge registriert: Liebesaffären, Verschiebungen in der Rangordnung von Adel und Großbürgertum, Dünkel und Protektion, das Schüren des Antisemitismus im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre und Ähnliches.

Unverhofft erhält er Einblick in Intimitäten, wobei Proust (in freier Auslegung der biblischen Erzählung) Schwules mit Sodom, Lesbisches mit Gomorrha assoziiert und es im vierten Band darstellt. Prousts erster Ruhm rührte zweifellos auch daher, dass man sich bemühte, den Romanfiguren Personen aus der Pariser Gesellschaft zuzuordnen, als würde die Handlung dadurch verständlicher. Aber wen interessiert heute noch, wer hinter Mademoiselle Vinteuil steckt oder ob der Baron de Charlus, den Proust als „dicklich“ beschreibt, etwas mit Robert de Montesquiou zu tun hat?

Solchen schnüffelnden Identifizierungsversuchen erteilte der Autor selbst eine klare Absage: „Diese Methode verkennt, was ein etwas tieferer Umgang mit uns selbst lehrt: dass ein Buch die Hervorbringung eines anderen Ichs ist als dessen, das wir in unseren Gewohnheiten, in der Gesellschaft, in unseren Lastern zutage treten lassen.“ Welches Ich ließ Proust selbst zutage treten?

Nach einer ersten Verliebtheit in eine Mitschülerin (wohl eine Vorlage für die Beziehung des Ich-Erzählers zu Gilberte Swann im zweiten Band) und Techtelmechteln mit anderen Frauen, kümmerte sich der 1871 Geborene vor allem um seine Freunde: den jungen Komponisten Reynaldo Hahn, die „große Liebe meines Lebens“, zu dem er bis zu seinem Tod persönlichen und brieflichen Kontakt hielt; den 17jährigen Lucien Daudet, der ihn „zärtlich liebt“, sich aber bald Jean Cocteau zuwandte; den jungen Grafen Bertrand de Fénelon, mit dem er eine Reise unternahm, aber wohl nicht das Gewünschte erreichte; sowie seinen Chauffeur und Sekretär Albert Agostinelli, der jung bei einem Flugunglück starb und über den es „nicht genügt zu sagen, dass ich ihn liebte, ich betete ihn an“.

Demgegenüber verliebt sich der Ich-Erzähler des Romans zunächst in Gilberte, später in Albertine und stellt homosexuelles Verlangen nur bei anderen fest. In frühen, wohl vor 1897 entstandenen kurzen Erzählungen, die sich im Nachlass fanden, hatte Proust das Thema Homosexualität schon berührt. Hier entpuppt sich ein schmachtende Briefe schreibender Verehrer einer Dame als Verehrerin; auf einen Hauptmann übt ein Gefreiter mit entzückenden Augen einen rätselhaften Zauber aus usw.

Dank der Hervorbringung eines „anderen Ichs“ zählt Prousts letztlich siebenbändige „Recherche“ zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts – zusammen mit den Hauptwerken von James Joyce und Robert Musil, in denen ebenfalls die Darstellung des ‚Bewusstseinsstroms‘ versucht wird. Ihnen gemeinsam ist die Kunst der genauen Beobachtung nach außen und der psychologischen Analyse nach innen.

Deren Ergebnisse fließen nicht nur in sorgfältig formulierte Beschreibungen ein, sondern verbinden sich zudem mit Erinnerungen, Assoziationen, Reflexionen und Vorwegnahmen, so dass ein breiter, dicht gewebter Ereignisteppich entsteht. Die zerfasernde Breite der Erzählung und die langen Sätze sind heute vielleicht nicht mehr jedermanns Sache; man muss sich Zeit nehmen und auf den Autor einlassen.

wilhelm

Biographische Notizen: Wilhelm gehört seit langem zur Oldenburger Szene. Als vielseitig interessierter Zeitgenosse hat er wiederholt für die Rosigen Zeiten geschrieben.

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