„Pfadfinden muss ein Safe-space sein.“

Der 22-jährige Oldenburger Jannis Gehl  berichtet über die Gründung und Arbeit des  queerpädagogischen Bundesarbeitskreises  Rainbow, der innerhalb des Bundes der  Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP e.V.) als  erster deutscher Pfadfinder:innenverband  die Interessen queerer Mitglieder vertritt.

Als 2017 beim deutschlandweiten BdP-Bundeslager  (Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder  e.V.) ein „Queers-Only-Abend“ veranstaltet  wurde, nahmen von den 5.000 Teilnehmenden  aus aller Welt gerade einmal fünf Leute teil. Fünf  Jahre später stieg bei der gleichen Veranstaltung  im August 2022 die Zahl der Teilnehmenden auf  120. Jannis Gehl, Mitgründer des Bundesarbeitskreises  Rainbow, wertet diese Entwicklung als  einen klaren Erfolg für queere Pfadfinder:innen.  Der BdP, drittgrößter Pfadfinder:innenverband  Deutschlands, galt zwar schon immer als eher  liberal, dennoch habe es lange Zeit einfach keine  „queere Sichtbarkeit“ gegeben

AK Rainbow

 Um das zu ändern gründete Jannis im Jahr 2018  zusammen mit einigen wenigen Mitstreitenden  den AK Rainbow. Somit wurde der BdP zum  ersten deutschen Pfadfinder:innenverband mit  einem queereaktivistischen Arbeitskreis. Dass  ein solcher Zusammenschluss innerhalb der  Pfadfinder:innenbewegung nicht nur geduldet,  sondern auch geschätzt wird, wurde beim  Bundeslager 2017 überraschend deutlich. Ein  „Rainbow Café“, das bei dieser Großveranstaltung  erstmalig angeboten wurde, traf auf breites Interesse.  Jannis berichtet von der regen Teilnahme  nicht nur jüngerer, betroffener Pfadfinder:innen,  sondern insbesondere auch von interessierten  Gruppenleiter:innen und Vereinsvorständen. Das  „Rainbow Café“ als zentrales Angebot für die über  5.000 Teilnehmenden zwischen 12 und 20 Jahren,  erklärt er, habe deutlich gezeigt, dass bis dato  zu queeren Themen aller Art große Unsicherheit  geherrscht habe.  Biographische Notizen:  Jannis Gehl (er/ihn) wurde mit  10 Jahren Pfadfinder beim BdP.  Mit 16 übernahm er zum ersten  Mal die Leitung einer Jugendgruppe  und wurde kurz darauf  Mitglied des erweiterten  BdP Landesvorstandes. Als schwuler cis-Mann  vermisste er stets die Sichtbarkeit von anderen  queeren Pfadfinder:innen und gründete 2018 mit  einigen wenigen Mitstreitenden den AK Rainbow.  Wie verhält man sich beispielsweise als Gruppenleitung,  wenn sich ein Mitglied vor der Gruppe  outen möchte? Wie lassen sich inklusive Duschen  konzipieren, damit sich sowohl cis- als auch transgeschlechtliche  Mitglieder wohl fühlen? Um für  den Umgang mit queeren Themen zu sensibilisieren  und um einen Raum zu schaffen, in dem sich  LGBTQ*-Pfadfinder:innen gesehen und gehört  fühlen, war die Gründung des bundesweiten  AK Rainbow 2018 ein logischer nächster Schritt.

Unterstützung von Seiten  des Bundesverbandes…

… so Jannis, hat es von Anfang an gegeben.  Die Abwesenheit von queerer Sichtbarkeit und  queeren Themen habe glücklicherweise keine  generelle Ablehnung gegenüber dieser Thematik  bedeutet. Auch Jannis Stamm, der Oldenburger  Stamm Parzival e.V., der vor einigen Generationen  noch als eher konservativ galt, hat das Engagement  des AK Rainbow positiv aufgenommen. Ein  zentrales Ziel des Arbeitskreises ist es, zu zeigen,  dass Pfadi und queer sein in keiner Weise im Widerspruch  zueinander steht. Um diese Botschaft  praktisch zu vermitteln, organisiert der AK Rainbow  beispielsweise Trainings und Workshops für  die sogenannten Stammesräte, also die „Leitung“  der verschiedenen Pfadfinder:innenstämme.  Hier werden Themen wie LGBTQ*- Terminologie,  Transrecht oder die Umgangsweise mit  Queerfeindlichkeit besprochen. Auch die Vernetzung  von queeren Pfadfinder:innen durch  Cafés, Workshops oder Onlineangeboten ist ein  zentraler Teil der Arbeit des AK Rainbows. „Für  die meisten Pfadfinder:innen ist das Pfadi-Sein  ein ganz zentraler Teil unserer Identität“, erklärt  Jannis. Genau deshalb sei es so wichtig, dass den  Mitgliedern vermittelt wird, dass sie als queere  Pfadfinder:innen akzeptiert und wahrgenommen  werden.

Radio Rainbow und einiges mehr

Mit seinen circa zwanzig ehrenamtlichen Mitarbeitenden  hat der Bundesarbeitskreis seit  seiner Gründung hierfür schon einiges auf die  Beine gestellt. Als besonderer Erfolg ist unter  anderem das queere Medienprojekt „Radio  Rainbow“ hervorzuheben, welches 2020 und  2021 in zwei Staffeln ausgestrahlt wurde. Das  Programm des Video-Livestreams (von dem  sich einige Ausschnitte auf dem BdP-YouTube  Kanal „BdPpfadfinden“ finden lassen) beinhaltete  z.B. ein Talkformat mit drei verschiedenen  Generationen queerer Pfadis, eine Kooperation  mit der Gewerkschaftsjugend oder die Rubrik  Sanitätszelt als eine Anleitung zum Durchführen  eines HIV-Selbsttests. Auch das bereits erwähnte  BdP Bundeslager 2022 war Schauplatz für vieles,  worauf der AK Rainbow stolz sein darf: das mit  zwei großen Jurten vertretene Rainbow Café  inklusive queerer Bibliothek, eine Drag Show,  Beratungs- und Austauschangebote und die erste  Scouting Pride Parade in Deutschland mit über  300 Teilnehmenden.

Was erhofft sich der AK  Rainbow für die Zukunft?

„Innerhalb des BdPs sind wir mittlerweile gut  aufgestellt“, meint Jannis. Auch innerhalb anderer  deutscher Pfadfinder:innenverbände, wie beispielsweise  dem VCP (Verband Christlicher Pfadfinderinnen  und Pfadfinder e.V.) gäbe es positive  Veränderungen in Sachen queerer Sichtbarkeit.  Allerdings sind solch positive Entwicklungen  nicht in allen Ländern zu beobachten. „Es müsste  eigentlich in jedem Land dieser Welt einen AK  Rainbow geben“, sagt Jannis, insbesondere da für Pfadfinder:innen als größte Jugendbewegung  weltweit Weltoffenheit und die Vernetzung  junger Menschen über Landesgrenzen hinweg  von zentraler Bedeutung ist. Er verweist auf  die sogenannten Pfadfinder:innenregeln, bei  denen es heißt: „Ich will zur Freundschaft aller  Pfadfinder:innen beitragen, dem Frieden dienen  und mich für die Gemeinschaft einsetzen, in der  ich lebe.“ In diesem Zusammenhang kritisiert  er die große internationale Medienpräsenz der  Boyscouts of America, bei denen Homofeindlichkeit  leider nach wie vor ein weit verbreitetes  Problem sei. Die Menschen würden durch Hollywood  einen verzerrten Eindruck vom Pfadfinden  bekommen, ein Problem, das der AK Rainbow  wenigstens in Deutschland lösen will und wird.

Pauline

 

Falls du neugierig geworden bist und mehr über den AK Rainbow oder das Pfadfinden  erfahren willst, schau hier vorbei:

AK Rainbow:  @rainbowpfadfinden (Instagram)

Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder:  www.pfadfinden.de 

BdP Pfadfinder in/um Oldenburg:  www.stamm-parzival.de 

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